Hintergrund

Neu-Gräfelfing – Villenkolonie
und Gartenstadt

Nach tausenden Jahren einfachen bäuerlichen Lebens traten um die Wende zum 20. Jahrhundert neben die alten dörflichen Ortskerne von Gräfelfing und Lochham neue Ortsteile, die den Charakter der Gemeinde tiefgreifend veränderten. Die Eisenbahnverbindung nach München sowie die Anschlüsse an Wasser-, Gas- und Elektroleitung machten das Leben und Wohnen auch abseits der Würm möglich.

Das Zentrum des Ortes verschob sich immer weiter zur Bahnlinie hin. 1909 entstand die neue Schule und Gemeindekanzlei an der Bahnhofstraße noch nahe der alten Stephanuskirche. Der Kirchplatz (heute Eichendorffplatz) mit der neuen Pfarrkirche Herz Jesu rückte 1932/33 in die Mitte der Bahnhofstraße, das neue Rathaus wurde 1968 bereits jenseits der Bahn in der Villenkolonie errichtet, das Bürgerhaus 1984 auf der anderen Seite des Bahnhofs neben der Bahnhofsrestauration.

Nachdem das Würmtal schon im 19. Jahrhundert als Sommerfrische und Ausflugsziel bei den Münchner Bürgern beliebt war – Gräfelfing galt damals als ›Badeort‹ –, boten seit der Jahrhundertwende Immobiliengesellschaften Wohnhäuser außerhalb der Stadt im Grünen an. Zahlreiche Aktiengesellschaften witterten ein gutes Geschäft. Sie kauften von den Bauern, die seit der Aufhebung der Grundherrschaft 1848 frei über ihr Land verfügen konnten, große Feld- und Waldflächen auf, um sie parzelliert, erschlossen und zum Teil schon bebaut weiterzuveräußern. Werbebroschüren preisen in poetischen Worten das Landleben in Verbindung mit neuen technischen Annehmlichkeiten an. Künstler, Beamte, Unternehmer, Wissenschaftler und vor allem Rentiers folgten dem Ruf. Einer der ersten, der ein Bauernhaus in eine Villa umbauen ließ, war der Regimentsschneider Hemmerich in der Pasinger Straße. Der Bierführer Dionys Strobl erwarb eines der ersten Grundstücke an der neuen Bahnhofstraße und errichtete mit seiner Frau eine Ausflugsgaststätte am Bahnhof. Die Käufer kamen aus allen gesellschaftlichen Schichten, vom Handwerker und Bauunternehmer über den Oberpostsekretär Ludwig Hartnagel (1912–16 Bürgermeister) bis zur Fürstin Weikersheim in der Waldstraße.

Zum Leidwesen der Aktionäre entwickelte sich der Verkauf wegen des großen Angebots im Isar- und Würmtal nicht wie erwartet. Der 1. Weltkrieg und die Wirtschaftskrise taten ein übriges. Die staatliche Wohnraumbewirtschaftung und hohe Besteuerung nach dem Krieg erschwerten den Absatz zusätzlich. Die Gräfelfinger Terraingesellschaft, an welche die Firma Heilmann & Littmann 1902 die Gräfelfinger Gebiete rechts und links der Bahn veräußert hatte, kämpfte mehrfach mit Zahlungsschwierigkeiten und musste gegen 1930 Insolvenz anmelden. Ein Großteil wurde von der Gemeinde aufgekauft.

Dennoch bestimmen die Planungen der Gesellschaften mit ihren Architekten Heilmann, Julius Necker, Ludwig Stadler und Walter Sartorius noch heute die Ortsgestalt, wenn sich auch vieles gewandelt hat. Geschwungene Straßenführungen mit Blickachsen auf besonders repräsentative Villenbauten, dazwischen kleine Plätze mit Grünflächen, großzügige Alleen an Bahnhof-, Steinkirchner- und Tassilostraße und kunstvoll gestaltete Villenensembles prägen das Bild der Villenkolonien als ›Gartenstadt‹. Vorgesehene Brunnenanlagen wurden zwar nicht ausgeführt, und die Einbettung der Bauten in Wald und parkartige Gärten ist in Anbetracht der gestiegenen Grundstückspreise heute nicht mehr haltbar. 1906 zahlte man noch 40–60 Pfennig pro Quadratfuß, 1909 3,53 Mark für einen Quadratmeter, der heute ein Vielfaches kostet. Oft muss der Erhalt gerade der aufwendigen Villenanlagen durch Verkauf oder Bebauung des umgebenden Gartens bezahlt werden. Trotzdem bemüht sich die Gemeinde, am Gartenstadtcharakter mit viel Grün festzuhalten. An der Stefanusstraße und beim Neubau des Seniorenheims St. Gisela auf dem Grund des ehemaligen Weinbuch-Hofes konnte der Grünzug an der Würm erhalten werden, der ansonsten durch die ausgebaute Durchgangsstraße von München nach Starnberg am Hochufer stark beeinträchtigt ist.

Bereits 1910 hatte sich der Gemeinderat vehement gegen die ›Bodenausschlachtung‹ verwahrt, als die Heimstättengesellschaft an der Waldstraße die Bebauung einer Parzelle mit einem vierteiligen Wohnhaus beantragt hatte. Die ortspolizeilichen Vorschriften von 1901 legten für viele Jahre die Grundzüge der Ortsentwicklung fest: Kommunbebauung war nur an der Bahnhofstraße zulässig, ansonsten nur Villen bzw. Einzelhäuser in Gärten mit Nebengebäuden – dazu zählten damals Stallungen, Wagenremisen, Waschküchen, Ateliers, Gewächshäuser und Dienerwohnungen. Auch private Baugesellschaften wie in der Lobmaier-Siedlung in Lochham und selbst die Heimstättengesellschaft für Minderbemittelte beim Fabrikviertel am Anger und die Dankopfer-Siedlung orientieren sich an diesem Grundsatz. Hier sind die Häuschen klein, die Gärten hauptsächlich zur Nahrungsversorgung vorgesehen. Auch Kleintierhaltung war geboten, die in der vornehmen Villenkolonie westlich der Bahn verpönt war.

Dort finden sich die schönsten Bauten zwischen Ruffiniallee, Irminfried- und Maria-Eich-Straße, geprägt durch den Vorbildbau des Architekten und Kunstgewerbelehrers Berlepsch-Valendas an der Ortsgrenze in Planegg. Der Architekt Walter Sartorius legte sogar in Kaufverträgen fest, dass Nachbarbebauung sich harmonisch an seine Villa Blumhardt anpassen müsse. Die Mustervillen des hauptsächlich für die Terraingesellschaft tätigen Architektenbüros Stadler & Necker bilden noch heute den Blickfang in der Steinkirchner Straße. Neben vielen handwerklich soliden kleinen Villen der örtlichen Bauunternehmer wie Gum und Dumser entstanden in den 30er Jahren auch einige zukunftsweisende Bauten des Architekten Sep Ruf im Kontrast zu dem sonst beliebten ›bayerischen Landhausstil‹.

Die soziale Idee, die in England die ›Gartenstadt‹ ausmachte, indem sie auch einfachen Menschen gesundes Wohnen auf öffentlichem Grund im Grünen ermöglichte, wurde am reinsten nach dem 2. Weltkrieg durch Bürgermeister Dr. Paul Diehl und die Wohnungsbaugenossenschaft Am Anger verwirklicht. Die Wohnungsnot erzwang zwar Wohnblöcke, aber große Grün- und Erholungsflächen an der Würm begleiten hier die Bebauung auf Pachtgrund der Gemeinde.

Das grandioseste Projekt von ›Neu-Gräfelfing‹ in der Gründerzeit blieb allerdings ein Traum. 1910 plante die Esperanto-Gesellschaft östlich der Pasinger und Planegger Straße eine riesige Stadtanlage für Esperantisten aus aller Welt mit Museum, Theater, Versammlungshalle und Parks. Ein Aktionär der Terraingesellschaft bot den Grund an, die Baukosten sollten durch eine Lotterie und den Verkauf der Wohnbauten aufgebracht werden, was aber wohl nicht gelang. Nichts von der Planung wurde verwirklicht. Nur einige wenige Mitglieder der Esperantogesellschaft ließen sich später in der bestehenden Villenkolonie nieder.